Franz Xaver, du bist Offizial im Bistum St. Gallen – mit was beschäftigst du dich in deiner Arbeit?
Als Offizial, oder anders ausgedrückt als Gerichtsvikar, führe ich das Gericht des Bischofs von St. Gallen. Jeder Bischof hat ein Gericht. Hier gehört alles dazu, was man sich auch sonst unter einem Gericht vorstellt. Meine Fälle sind vornehmlich Ehenichtigkeitsverfahren, Strafverfahren und auch gewisse Rechtsberatungen, wenn also jemand beispielsweise Fragen zum Thema Patenschaft, Firmung oder zu Eheschliessungen hat. Es heisst immer, die Juristerei sei eine trockene Arbeit. Das kann ich nicht bestätigen. Bei mir ist jeder Tag anders und unvorhersehbar. Die Fälle und Fragen, mit denen ich konfrontiert bin, kann man sich oft nicht ausmalen. Sie sind so bunt wie das Leben selbst.
Was ist deine liebste Beschäftigung ausserhalb der Arbeit.
In meiner Freizeit befasse ich mich gerne mit Kunst, gehe in Museen und schaue mir Kunstwerke an. Auch gehe ich auf die Jagd und bin gerne in der Natur unterwegs. Wobei Jagen hauptsächlich mit Hege und Pflege zu tun hat. Bei der Jagd geht es mir in erster Linie um die Naturbeobachtung und nicht um das Töten eines Tieres.
Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?
Einige gute Bücher. Ich lese gerne Geschichtsbücher oder schaue mir schöne Bildbände über die Natur an. Wenn man auf der Insel Velofahren kann, dann auch ein Fahrrad, und wenn man baden kann, dann etwas zum Baden. Und ein paar gute Freunde, falls dies möglich wäre.
Welche Superkraft würdest du gerne besitzen?
Von Berufes wegen wäre es praktisch, wenn ich zwischen Wahrheit und Unwahrheit unterscheiden könnte. Wenn ich bei Gericht direkt erkennen würde, ob jemand lügt oder nicht, wäre es einfacher. Ein Lehrer von mir sagte einmal: Als Richter wirst du auch für Fehlurteile bezahlt. Damit meinte er, dass man nie alles zu 100 Prozent richtig machen und nie alles erfahren kann. Als Richter muss man mit Fachkompetenz und teilweise auch Bauchgefühl Urteile fällen, und da kann es auch zu Fehlurteilen kommen. Das ist nicht gut, aber lässt sich nicht vermeiden. Wir können nur anhand der Fakten, die auf dem Tisch liegen, entscheiden. Daher wäre ein Unterscheiden-können zwischen wahr und unwahr als Superkraft wirklich vorteilhaft.
Welche Geschichte aus der Bibel beeindruckt dich?
Besonders beindruckt mich die Geschichte vom sogenannt ungläubigen Thomas. Ob er ungläubig war, bezweifle ich. Ich glaube, dass er tiefgläubig war, aber eben auch von Zweifeln gehemmt. Er war ein suchender Mensch. Das macht ihn für mich so sympathisch, denn wir alle sind Suchende, oder zumindest von mir kann ich behaupten, ein suchender Mensch zu sein, der ein wenig schwankt zwischen Glauben und Zweifeln. Wobei der Zweifel an sich nichts Schlechtes ist, sondern einen immer wieder anspornt den richtigen Weg zu suchen und den persönlichen Glauben zu vertiefen.
Für die Kirche der Zukunft wünsche ich mir…
... mehr Authentizität, und dass die Kirche ehrlich mit sich selbst und den Menschen umgeht. Wo Kirche draufsteht, muss auch Kirche drin sein. Die Kirche hat öfter über dunkle Stellen hinweggesehen. Wir haben den Gläubigen gesagt, was sie tun müssen, haben aber als Kirche selbst oft nicht danach gehandelt.
Die Texte und Fotos für diese Porträts hat Fabio Brändle gemacht. Fabio ist während seines vierwöchigen Praktikums in der Kommunikationsabteilung des Bistums in den Ordinariatsalltag eingetaucht, hat die Mitarbeitenden kennengelernt und interviewt. Wir danken Fabio für seinen Einsatz und sein Interesse.
