Kathrin Hilber, Sie haben 9 Jahre bei der Ombudsstelle des Bistums gearbeitet – welche Anliegen haben Sie besonders beschäftigt?
Als Ombudsperson wurde ich fast immer mit Arbeitskonflikten konfrontiert. Da ist das duale System der Katholischen Kirche mit den vielen Berufsgruppen und Mitwirkenden so anfällig wie andere Berufsfelder in Wirtschaft und Verwaltung.
Arbeitskonflikte – welche konkret?
Umgang mit Arbeitszeiten und Überstunden, unklare Kommunikation, Teamkonflikte, Alkohol am Arbeitsplatz, Burnout und Krankheit, Verletzung der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers bis hin zu Machtmissbrauch. Die Ombudsstelle, die 2017 im Bistum St.Gallen und im Katholischen Konfessionsteil eröffnet wurde, war damals beispielhaft, weil es nur wenige solche niederschwellige Anlaufstellen für hilfesuchende Menschen in der Kirche gab. Menschen aus allen Bereichen habe diesen Dienst genutzt. Ob Kirchenverwaltungsräte, Priester, Seelsorgende, Sozialarbeitende, Mitarbeitende in der Verwaltung oder Mesmerinnen und Mesmer haben sich in Problemsituation bei der Ombudsstelle Rat geholt.
Gibt es Menschen, Fälle oder Themen, die Ihnen nachhaltig in Erinnerung geblieben sind?
Beim Abschluss dieser sinnstiftenden Arbeit erinnere ich mich im Rückblick an all die zahlreichen Situationen mit Spannungen, Konflikten und Notlagen. Einige Konfliktsituationen haben mich aber besonders intensiv beschäftigt, auch über den heutigen Tag hinaus. Obwohl die Ombudsperson keine anwaltliche Rolle innehat, sondern auch die Gegenseite soweit möglich einbeziehen muss, entstehen Arbeitsbeziehungen zu den Menschen, die über längere Zeit begleitet werden. Da bleibt viel zurück, Gefreutes und Nachdenkliches.
Was wünschen sich Menschen am häufigsten von einer Ombudsstelle – und was kann diese tatsächlich leisten und was nicht?
Menschen, die sich an die Ombudsstelle wenden, sind in der Regel in Not, stehen unter Druck. Dass jemand zeitnah unbefangen einmal zuhört, das Problem zusammen mit der Person reflektiert und nach Handlungs- oder Lösungsoptionen sucht, wird von diesen Menschen sehr geschätzt. Dabei spielt die absolute Vertraulichkeit eine zentrale Rolle und auch, dass das Angebot für hilfesuchende Personen kostenlos ist. Die Ombudsperson kann aber keine Entscheide fällen, weshalb das indirekte Handeln mit Beratung, Begleitung und Coaching oft ein wichtiger Weg ist.
Was haben Sie gemocht an Ihrer Arbeit, auf welche Momente hätten Sie verzichten können?
Dass Menschen in mich in der Rolle als Ombudsperson Vertrauen hatten, war für mich eine grosse und tiefe Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Aber es gab auch viel Ärger, wenn beispielsweise eine andere Konfliktpartei die Zusammenarbeit verweigerte. Als eher ungeduldiger Mensch brauchte es oft einen langen Atem, bis eine Lösung in Sicht war, weil die Wege dahin oft kompliziert waren. Da musste ich dazulernen.
Sie haben in ihrem Leben einige sehr verantwortungsvolle Posten innegehabt. Was haben Sie erst bei der Arbeit in der Ombudsstelle kennengelernt oder entdeckt?
Die kirchlichen Strukturen mit dem dualen System waren für mich neu. Obwohl die katholische Kirche demokratisch aufgebaut ist, geniesst die pastorale Seite eine Sonderstellung. Diese unterschiedlichen Zuständigkeiten, Kompetenzen und Verfahren haben mir auch die Schwachstellen und den Leidensdruck im System aufgezeigt. Zudem habe ich einen Innenblick in die Kirche erhalten, der ich seit meiner Geburt angehöre. Ich habe aber auch einmal mehr erkannt, dass die Menschen in und um die Kirche auch nur Menschen mit all ihren Vor- und Nachteilen sind, was die Kirche auch lebensnah macht.
Was nehmen Sie aus Ihrer Zeit bei der Ombudsstelle mit?
Ich bin sehr dankbar, dass ich meine langjährige Führungserfahrung und meine Ausbildungen nach meiner Pensionierung in ein wichtiges Wirkungsfeld einbringen durfte. Das machte und macht mich glücklich über diesen Tag hinaus.
Für was werden Sie sich nun mehr Zeit nehmen können?
Ich hatte in den letzten Jahren verschiedene Ombudsmandate inne, die nun alle abgeschlossen sind. Diese Mandate wurden alle nur bei Bedarf und auf Abruf aktiv. Deswegen war ich all die Jahre jeden Tag erreichbar, am Wochenende und in den Ferien. Das Ende der "Standby-Situation" ist eine grosse emotionale Entlastung. Ich werde, wie in den letzten Jahren, meine Zeit mit meinem Mann und lieben Menschen geniessen, reisen, lesen, Kultur erleben und einfach dankbar sein für jeden guten Tag.
Was wünschen Sie Ihrer Nachfolgerin?
Ich bin überzeugt, dass meine Nachfolgerin und meine Nachfolger den sinnstiftenden Wert einer solchen Aufgabe als Basis für ihr Engagement sehen. Ich wünsche ihnen Kraft, dranzubleiben, offen zu sein für Lösungen und auch die Grenzen in dieser Rolle zu akzeptieren.
