Stell dir vor:
Es gibt einen Ort. In deiner Stadt. In deinem Dorf.
Und an diesem Ort ist immer jemand da.
Da ist ein Mensch, der Zeit hat. Sich für dich interessiert.
Wenn du erzählst, hört er oder sie einfach zu.
Wenn du fragst, gibt er oder sie eine Antwort.
Wenn du einen Rat suchst, bekommst du ihn.
In St. Gallen, der Stadt, in der ich wohne und Pfarrerin bin, ist in diesem Jahr 2026 immer jemand da. Von 10 Uhr morgens bis 18 Uhr abends weilt jemand in einer hübschen kleinen Holzhütte. Versteckt genug, dass ich unbemerkt dorthin gehen kann und öffentlich genug, dass ich den Ort finde.
Wiborada – eine Frau, die blieb
«Da-Sein» ↗ ist der Titel eines Projekts, das in Erinnerung an eine besondere Frau aus dem Mittelalter entstanden ist: Wiborada ↗ war vor 1100 Jahren immer da. Tag und Nacht.
Als sogenannte Inklusin liess sie sich einmauern und verliess ihre Zelle in all den Jahren nie. Sie hatte ein offenes Fenster und ein offenes Ohr und war eine wichtige Beraterin für viele einflussreiche Menschen.
Wenn nichts tun alles ist
«Da-Sein» klingt nach wenig.
In einer Zelle sitzen. Warten, ob jemand vorbeikommt oder nicht. Mag sein, dass der eine oder die andere acht Stunden lang allein in der Zelle bleibt.
Und Zeit hat für sich. Zum Lesen. Nachdenken. Beten.
Das klingt nach «nichts tun». Nach unnötigem Abwarten.
Aber genau das macht das Projekt meines Erachtens so stark!
Ich nehme unsere Gesellschaft zur Zeit als sehr unverbindlich wahr.
Alle ist schnelllebig, spontan. Jederzeit können Termine abgesagt oder verschoben werden. Begegnungen auf der Strasse bleiben oft kurz, weil immer jemand sagt: «Ich muss weiter. Hab keine Zeit. Bin in Eile…»
Und oft habe ich den Eindruck, dass viele Menschen einander gar nicht sehen, weil jeder seine Kopfhörer im Ohr hat oder mit dem Handy beschäftig ist und gar nicht wahrnimmt, dass da noch jemand da ist.
Die leise Kraft der Anwesenheit
Das Projekt ist für mich wie ein Gegenpol: In dieser Zelle in St. Gallen ist 2026 jeden Tag jemand da. Darauf kann ich mich verlassen.
Dieses «Da-Sein» ist keine Kleinigkeit.
Virginia Satir beschreibt das sehr schön in einem Gedicht:
Ich glaube, das grösste Geschenk,
das ich von jemandem bekommen kann, ist,
dass er mich sieht, mir zuhört, mich versteht und mich berührt.
Das grösste Geschenk, das ich einem anderen Menschen machen kann, ist, ihm zuzuhören, ihn zu verstehen und ihn zu berühren.
Wenn das gelingt, habe ich das Gefühl, dass wir uns wirklich begegnet sind.
In der nachgebauten Wiborada-Zelle in St. Mangen sind solche Begegnungen möglich.
Aber nicht nur dort.
Wir alle haben jeden Tag die Möglichkeit, da zu sein und andere wahrzunehmen.
Und wir dürfen uns mit unserem Dasein und unseren Sorgen und Geschichten andern anvertrauen.
Sternenglanz
Sternenglanz ist ein Podcast und Blog mit spirituellen Gedanken für den Feierabend. Präsentiert wird Sternenglanz von den römisch-katholischen und evangelisch-reformierten Kirchen der Kantone SG/AI/AR. Mehr erfahren