Liebe Mitchristen
Was bedeutet es, in diesen Zeiten die Chrisammesse zu feiern?
Für mich ist es die erste als Bischof von St. Gallen – mit grosser Freude habe ich Sie und euch zu diesem Gottesdienst eingeladen, der in besonderer Weise zum Ausdruck bringt, wie wir im Bistum miteinander unterwegs sind.
Es ist schön, dass wir in diesem Rahmen auch euch, liebe Jubilare und Jubilarinnen, feiern; Ihr schaut auf 25, 40, 50, ja 60 oder gar 70 Jahre im Seelsorge-Dienst zurück; mit euch danken wir Gott für diese Treue und für euren beherzten und beseelten Einsatz für die Menschen, für das Evangelium –
in allem Auf und Ab der Zeit.
Was bedeutet es, in diesen Zeiten die Chrisammesse zu feiern?
In einer Zeit der „Spezialoperationen“, wie die Kriege nun genannt werden – in der Ukraine, im Mittleren Osten und an so vielen anderen vergessenen Orten dieser Erde; wo junge Menschen einberufen werden, um Krieg zu führen. Nicht zur Verteidigung des eigenen Landes, sondern für – nichts.
In Russland werden sie mittlerweile nach einem Monat Rekrutenschule an die Front geschickt. Einberufen – zu kämpfen für die Grossmacht-Fantasie eines anderen – in dieser Zeit feiern wir die Chrisammesse.
Wir hören die Lesung aus dem Propheten-Buch Jesaja, wo auch von einer Berufung die Rede ist "Gott hat mich gesalbt und gesandt". Auch das ist eine Einberufung – aber eine so ganz andere als jene, die in den Krieg führt.
Wo Gott einberuft, geht es um die Frohe Botschaft für die Armen, um Heilung für die, die gebrochenen Herzens sind und um Befreiung für alle, die gefangen sind dazu beruft und sendet Gott seinen Gesalbten dafür hat Gott alles getan und gegeben im Leben, im Sterben und in der Auferstehung Jesu Christi –
wie wir es in dieser Heiligen Woche wieder neu bedenken und feiern.
In der Taufe werden auch wir gesalbt: "Mit dem Chrisam wirst du gesalbt, denn zu Christus, dem Gesalbten, sollst du gehören." So wird in der Taufe sichtbar, was Gott für alle Menschen will:
Du bist einberufen von Gott zu einem aufrechten Leben.
Du bist gesalbt von Gott zu einem Leben in Würde.
Du bist gesandt von Gott zu einem Leben mit anderen und für andere.
Das ist die Einberufung Gottes! Dazu sind wir alle berufen – in dieser Chrisammesse erneuern jene, die in einem kirchlichen Beruf stehen, ihr Ja zu dieser Berufung. Es ist ein Ja zu einem besonderen Dienst in der Kirche. Nicht als etwas Abgehobenes und Separates, sondern als Dienst an der Berufung aller. Wir im Seelsorge-Dienst sind berufen und gesalbt, um der Berufung und Salbung aller zu dienen. Das ist keine kleine Sache; das ist sehr verbindlich; das ist unsere Einberufung Gottes.
Ich wünsche mir und hoffe, dass jede und jeder von euch in diesem Dienst erfährt, wie er, wie sie selbst getragen ist von Gottes Ja. Von Herzen danke ich euch allen für euer Dasein und für euren Einsatz.
Was bedeutet es, in diesen Zeiten die Chrisammesse zu feiern?
Es ist ein Zeichen der Hoffnung und ein Signal, wofür wir einberufen sind von Gott und dass wir diese Einberufung froh, ehrlich und zuversichtlich leben. So sagt es John Henry Newman in einem Gebet:
Ich bin berufen
etwas zu tun oder zu sein,
wofür kein anderer berufen ist.
Ich habe einen Platz
in Gottes Plan auf Gottes Erde,
den kein anderer hat.
Ob ich reich bin oder arm,
verachtet oder geehrt bei den Menschen,
Gott kennt mich und ruft mich
bei meinem Namen.
Ich freue mich, o Gott,
und denke lange nach über das Wunder,
dass Du mich kennst und betrachtest,
als wäre ich
der einzige Mensch auf der Welt
und der ausschliessliche Gegenstand
Deiner Liebe.
Hilf mir, dass ich mich immer tiefer einlasse, mein Gott,
in Deine Gedanken
über mich.



