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News

09.01.2026

Bischofsbrief 2026: Wachsen am Anderen.

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Erstmals wendet sich Bischof Beat mit dem Bischofsbrief an die Gläubigen. Er macht sich Gedanken über die Bubble-Kultur der heutigen Zeit und die Kirche als Ort der direkten Begegnung von Mensch zu Mensch. Er schreibt: «In erster Linie braucht der Mensch ein Gegenüber. Das macht unser Leben reich. Wir wachsen aneinander».

Liebe Mitchristen und Mitchristinnen

Nach meiner Wahl und Ernennung zum neuen Bischof von St. Gallen ist dies der erste Hirtenbrief, mit dem ich mich an Sie alle wende – in der Hoffnung, dass Ihnen meine Worte Impulse geben, den Glauben zu vertiefen.

Wir stehen am Anfang eines neuen Jahres. Wie gestalten wir es? Was wird es uns bringen? Was gibt uns Orientierung? ‒ Oft sind es die lauten Stimmen und grellen Bilder, die uns in Beschlag nehmen. Je mehr Klicks und Likes ein Post bekommt, umso wichtiger scheint er. In der Anonymität und Unverbindlichkeit des Internets ist schnell ein Kommentar platziert. Dabei macht mir Mühe, wie aggressiv und respektlos das oft geschieht. Ständig sind wir gefordert, uns in dieser Informationsfülle und Reizüberflutung zurechtzufinden. Kein Wunder, dass die einen meinen, es sei alles gleichgültig, während andere sich einschwören auf ideologische und extreme Meinungen. Ja, ich denke, dass Gleichgültigkeit und Extremismus schlussendlich zwei Seiten derselben Münze sind.

Im Stimmengewirr sozialer Medien fragen wir uns: Was stimmt noch? Wem können wir trauen? Und oft noch viel grundsätzlicher: Wer bin ich selbst in all dem? Das «Ich» unserer Zeit ist labil; es braucht und sucht permanent Bestätigung. So scheint es naheliegend, sich in den Kreis Gleichgesinnter zurückzuziehen, in denen die eigenen Einstellungen und Haltungen wie ein Echo zurück-kommen und so bestätigt werden. Wer anders denkt und anders ist, wird als Bedrohung wahrgenommen; wer Einspruch erhebt, wird zum Feind. Die Algorithmen der Suchmaschinen spiegeln in den Resultaten der Suche doch nur uns selbst.

Die neuen Kommunikationsmittel eröffnen uns viele Möglichkeiten, Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern unsere Welt gewaltig. Darin liegen viele Chancen, aber auch Gefahren. Denn das Virtuelle ersetzt die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch nicht – im Gegenteil: Es wird immer zentraler. Weder Digitalisierung noch Künstliche Intelligenz nehmen uns die Entwicklungsphasen und Lernschritte im Leben ab oder verkürzen sie. Um zu einer reifen, gesunden Persönlichkeit heranzuwachsen, brauchen wir Zuwendung, Fantasie, Freude am Entdecken, Kunst und Poesie. Fehler machen und scheitern, gehören als Chance zum Lernen. In erster Linie braucht der Mensch ein Gegenüber. Das macht unser Leben reich. Wir wachsen aneinander.

Für mich ist die Kirche ein Ort für diese direkte Begegnung von Mensch zu Mensch. Die Kirche Jesu Christi ist keine Bubble, keine Blase, in der sich verunsicherte Gleichgesinnte ständig gegenseitig bestätigen müssen, um nicht den Boden unter den Füssen zu verlieren. Das wäre eine arme Kirche, die nicht mehr wäre als ein enger Kreis Gleichgesinnter, die sich gegen Andere und anderes verschliessen müssten! Ich halte daran fest, dass die Kirche ein weites Dach hat. So ist sie katholisch – im ursprünglichen Sinn des Wortes kat-holos: all-umfassend, weit.

Wir können unser Zelt weit aufspannen, wenn die Pflöcke tief verankert sind [vgl. Jesaja 54,2]. Das ist meine geistliche Erfahrung: Dass wir umso weiter, grosszügiger und wertschätzender sein können, je tiefer wir mit Christus verbunden sind. Er weitet den Horizont dessen, was wir aufnehmen und was wir annehmen können. Christus macht unser Herz weit. Dieses Herz nimmt auch in mei-nem Wahlspruch als Bischof einen wichtigen Platz ein. «In concordiam Christi» heisst: Wo ich herzlich mit Christus verbunden bin, wird auch meine Verbindung mit Anderen wachsen.

Die Kirche Gottes ist keine Kirche aus toten Steinen, sondern aus lebendigen Menschen. Und Menschen sind verschieden: in ihrem Denken, in ihren Gewohnheiten, in ihren Lebenswegen. Als Christen tragen wir keine Uniform. Wir haben es heute in der Lesung aus der Apostelgeschichte gehört: Gott sieht nicht auf die Person – aus welchem Land sie kommt oder welche Identität sie hat ‒ sondern ihm ist «willkommen, wer ihn fürchtet und tut, was recht ist» [Apg 10,34]. Das heisst: Gott fordert keine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volk, zu einer bestimmten Gruppe oder Bubble, damit ihm ein Mensch willkommen ist. Gott setzt nicht eine Zugehörigkeit voraus, sondern er schenkt sie. In Christus verwurzelt, erfahre ich meine tiefste Identität: Ich bin sein geliebter Sohn; ich bin seine geliebte Tochter.

Vom verstörenden Stimmengewirr, das Angst machen kann, habe ich am Anfang gesprochen. Aber nicht jede Mehrstimmigkeit ist verstörend, nicht jeder Mehrklang tut in den Ohren weh. Wir kennen auch das harmonische Zusammenspiel. Wo die Instrumente gut gestimmt sind, können die verschiedenen Stimmen zusammenklingen. «Die Wahrheit ist symphonisch», hält der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar fest. In Jesus Christus ist die Vielstimmigkeit der Kirche gehalten. Diese Polyphonie ist ein lebendiges Geflecht von Melodien, von Reibung und Auflösung, Einstimmigkeit und Akkord. Das entspricht für mich der synodalen Haltung, die wir in der Kirche gerade wieder neu entdecken. Gemeinsam hören wir – aufeinander und auf Gott – und bleiben miteinander auf dem Weg.

Mit dieser Zuversicht gehe ich gerne mit Ihnen in dieses Jahr. Mit den Worten von Dietrich Bonhoeffer wünsche ich uns allen: «Gott führe uns freundlich durch diese Zeiten; aber vor allem führe er uns zu sich.»

Herzlich – in Christus.

+ Beat Grögli, Bischof von St. Gallen

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Telefon +41 71 227 33 40

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