Predigt vom 11. Mai 2025 am Internationalen Gottesdienst in Lourdes
(Es gilt das gesprochene Wort)
Liebe Pilgerinnen und Pilger
«Bewegte Tage der Kirchengeschichte liegen hinter uns. Unser verehrter Papst Franziskus ist ins Osterfest hinein gestorben – die Trauertage und der eindrückliche Beerdigungstag waren umstrahlt von österlichem Glanz.
Mit Gebet und grosser Aufmerksamkeit haben wir die Tage der Papstwahl begleitet, und nun feiern wir in grosser Gemeinschaft diesen internationalen Gottesdienst in Lourdes (am ersten Sonntag nach der Wahl des Nachfolgers von Petrus, Papst Leo XIV.). Es ist der Gut-Hirt-Sonntag. Als Pilgerinnen und Pilger der Hoffnung sind wir verbunden mit Maria, der Mutter Jesu.
Jesus Christus, der Auferstandene, hat sein Hirtenamt für die Kirche auf ihrem Weg durch die Zeit wieder bestellt. Der Dienst des Papstes in der Universalkirche ist ein «Hirtenamt». Die Aufgabe des Hirten ist es, die Herde zu begleiten, sie auf nährende Futterplätze zu führen, sie zusammen zu halten, zu beschützen und vor allem, sich um Kranke und Verwundete zu sorgen. Wenn Jesus dieses archetypische Bild verwendet, das wir auch in unserer technisierten und industriellen Zeit noch verstehen – auch wenn wir uns nicht gerne einfach als gehorsame Schafe bezeichnen lassen – nimmt er für Juden wie Christen ein Gottesbild auf, das die Sorge für den einzelnen Menschen und vor allem Gottes Liebe und Barmherzigkeit offenbart. ‘Sie hören auf meine Stimme. Ich kenne sie und sie folgen mir…. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreissen’ – spricht Jesus, der gute Hirte, im heutigen Evangelium. Ja noch mehr – an anderer Stelle spricht Jesus ‘Ich gebe mein Leben hin für die Schafe’. Er geht also bis zum Letzten, um uns den Weg der Hoffnung zu erschliessen, den Weg zum Leben in Fülle über den Tod hinaus.
Liebe Mitchristinnen, liebe Mitchristen
Wir feiern hier als Pilger und Pilgerinnen der Hoffnung, einer Hoffnung über den irdischen Weg hinaus. Die Worte des Evangeliums möchten aber unser Leben auch hier und jetzt bestimmen. Nützen wir unsere Wallfahrtstage am Gnadenort in Lourdes, neu auf das Wort des Guten Hirten zu hören, uns in seine Liebe zu vertiefen und seine Barmherzigkeit neu zu entdecken. Wir sind gekommen und bringen Freud und Leid unseres ganz persönlichen Lebens mit. Wir nehmen uns Zeit für das, was in unserem gestressten Alltag oft zu kurz kommt: Für das Gebet, für die Feier der Sakramente und für die Gemeinschaft mit Menschen, die aufeinander angewiesen sind.
Der Gut-Hirt-Sonntag wird uns zur Aufforderung, dass wir einander selbst gute Hirten werden. Wie Jesus sollen wir Leben fördern und einander helfen, gutes Leben zu finden. Wenn hier in Lourdes Maria, die Mutter Jesu, im Zentrum ist, besteht ihr mütterlicher Dienst darin, uns zu ihrem Sohn Jesus zu führen. Als Mensch hat er im Haus von Maria und Josef erfahren, was es heisst, geliebt zu werden. Für den heutigen Sonntag, der in vielen Gegenden auch als Muttertag begangen wird, ist dies ein ganz wesentlicher Gedanke. Unsere eigene Liebesfähigkeit wurde geweckt durch Menschen, die uns Liebe geschenkt und vorgelebt haben. Diesen Menschen, die uns geprägt haben, gilt ein grosser Dank. So auch der Mutter Jesu und ihrer ganzen Sippe. Dass Maria ihre mütterliche Fürsorge für uns Menschen nicht vergisst, beweisen die Erscheinungs- und Gnadenorte, die im Lauf der Geschichte auf der ganzen Welt entstanden sind. Dort schöpfen Menschen auch heute Kraft und Heilung, wie hier in Lourdes, wo ihre Gegenwart uns zum vertieften Christusglauben und zur Sorge für die Mitmenschen führt. Am Kreuz hat Jesus uns seine Mutter zur Mutter gegeben. Als Mutter der Kirche lässt sie uns nicht im Stich. Auf sie ist Verlass, ihr dürfen wir vertrauen. Dieses Vertrauen schenkt uns gerade in diesen Tagen Kraft, da Kirche und Welt grosse Herausforderungen zu bestehen haben. Dass Papst Franziskus sich in der grossen Marienkirche in Rom beisetzen liess, ist uns ein wichtiges Zeichen für die Zukunft. Maria führt uns zu Christus, dem guten Hirten, der seine Kirche nicht verlässt. Je offener wir auf ihn hören, je inniger wir uns mit dem Auferstandenen verbinden, umso überzeugender sind wir mit Maria als Pilger und Pilgerinnen der Hoffnung unterwegs.
Zum Schluss nochmals ein Blick zurück in die letzten, bewegten Wochen in unserer Kirche.
Papst Franziskus hat in seiner Einfachheit und Zuwendung zum Menschen über die Kirche hinaus Impulse gegeben, die weiterwirken. Ich denke an seine Enzykliken über die Schöpfung und Fratelli tutti. Sein weltoffener und missionarischer Geist wendet den Blick auf alles Elend, auf Not, Spaltungen und Verirrungen, auf Krieg und Ungerechtigkeit.
Sein geistliches Testament aber ist mit der letzten Enzyklika ganz auf unsere persönliche Frömmigkeit – also nach innen gerichtet. Er nimmt die grosse Tradition der ‘Herz-Jesu-Verehrung’ wieder auf, die ganz auf die Beziehung zum lebendigen Christus ausgerichtet ist. Jesus Christus, ganz Mensch und Gott, neu zu entdecken ist der Weg der Evangelisierung unserer Zeit. ‘Dilexit nos – ER hat uns geliebt’ – so der Titel der Enzyklika – dies ist die Botschaft, die uns zur Kraftquelle werden soll für unseren Dienst in Kirche und Welt.
Papst Franziskus weist am Schluss seines letzten Schreibens hin auf seine beiden Sozial-Enzykliken Laudato si und Fratelli tutti über die Nächstenliebe, die keinen Gegensatz bedeuten zu Dilexit nos über die Gottesliebe. Er schreibt: ‘Wenn wir aus dieser Liebe schöpfen, werden wir fähig, geschwisterliche Bande zu knüpfen, die Würde jedes Menschen anzuerkennen und zusammen für unser gemeinsames Haus Sorge zu tragen’. Die Liebe Christi sei weit entfernt vom oft herrschenden Gedanken, dass ‘Sinn und Würde von Dingen abhängen, die man durch die Macht des Geldes erwirbt’. Wenn Menschen nur anhäufen, konsumieren und sich ablenken, bleibe kein Platz für bedingungslose Liebe. Auch bezogen auf die Kirche warnt der Papst davor, dass ‘an die Stelle der Liebe Christi vergängliche Strukturen, Zwangsvorstellungen vergangener Zeiten, Anbetung der eigenen Gesinnung oder Fanatismus aller Art treten’. Er schliesst mit dem Wunsch, dass die ‘Ströme lebendigen Wassers’ aus dem Herzen Jesu fliessen, ‘um die Wunden zu heilen, die wir selbst uns zufügen, um unsere Fähigkeit zur Liebe und zum Dienen zu stärken, um uns anzutreiben, zu lernen, gemeinsam auf eine gerechte, solidarische und geschwisterliche Welt hinzuarbeiten’.
Liebe Mitchristinnen und Mitchristen, lassen wir uns während unserer Tage hier in Lourdes auf diese Botschaft ein. Begegnen wir einander in dieser Liebe und vertrauen wir für Kirche und Welt auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria.
Amen



